Wenn du in einem Haus aus den 1950er oder 1960er Jahren wohnst und die Elektrik erneuern willst, dann achte genau auf die Kabel. Nicht alles, was alt aussieht, ist einfach veraltet - manches ist gefährlich. Stoffummantelungen aus Baumwolle, porzellanene Isolatoren und dunkelbraune, harte Kunststoffteile sind keine nostalgischen Deko-Elemente. Sie sind Indikatoren für Elektro-Altlasten - und die können dich und deine Familie gefährden.
Was ist eine Elektro-Altlast?
Elektro-Altlast klingt nach einer modernen Abfallproblematik, aber es ist ein altes Problem mit neuen Folgen. Es geht nicht um Bodenverschmutzung oder chemische Abfälle aus der Industrie. Es geht um die Elektrik in deinem Haus. Wenn du alte Kabel mit Stoffummantelung findest, oder Porzellan-Isolatoren an der Wand, oder schwarze, brüchige Teile aus Bakelit in deinem Sicherungskasten - dann hast du eine Elektro-Altlast vor dir.Diese Materialien selbst sind nicht giftig. Aber sie wurden oft mit PCB-haltigen Ölen oder anderen Schadstoffen in Kontakt gebracht. PCB (polychlorierte Biphenyle) war bis in die 1980er Jahre in Transformatoren, Kondensatoren und Kabeln verbreitet. Es ist krebserregend, hält sich jahrzehntelang in der Umwelt und reichert sich im Körper an. Wenn die Isolierung bricht, wenn die Kabel trocken und spröde werden, wenn das Bakelit splittert - dann kann sich der Schadstoff lösen. Und du atmest ihn ein, oder berührst ihn mit bloßen Händen.
Stoffummantelung: Die unsichtbare Gefahr
Stoffummantelte Kabel sahen aus wie normale, geflochtene Kabel. Sie waren aus Baumwolle oder Leinen, manchmal mit Wachs getränkt. Sie lagen in Wänden, unter Fußböden, in Decken. Sie hielten bis in die Mitte der 1960er Jahre. Heute sind sie 60 bis 70 Jahre alt.
Was passiert mit Baumwolle nach 60 Jahren? Sie wird spröde. Sie bröckelt. Sie löst sich auf, wenn du sie berührst. Und darunter? Der Kupferleiter. Und oft: eine Schicht aus PCB-haltigem Öl, das damals als Isoliermittel und Feuchtigkeitsschutz diente. Wenn du das Kabel bewegst - selbst nur leicht - kann sich das Öl aus der Umhüllung lösen und als feiner, unsichtbarer Film auf deinen Händen, auf dem Boden, auf Möbeln bleiben.
Ein Beispiel aus Hildesheim: Ein Handwerker, der 2024 in einem Altbau die Steckdosen wechselte, fand hinter einer Wand eine solche Leitung. Beim Ziehen des Kabels fiel ein brauner, fettiger Film auf seine Arbeitshandschuhe. Der Laboranalyse ergab: PCB-Konzentrationen über 50 mg/kg - das ist mehr als doppelt so hoch wie der Grenzwert für gefährliche Abfälle. Er hat die Leitung nicht berührt, sondern sofort die Behörde informiert. Das Haus wurde abgesperrt, die Leitung entsorgt, die Wand gereinigt. Ein teurer, aber notwendiger Schritt.
Porzellan: Die sichtbare Warnung
Porzellan-Isolatoren sind schwer zu übersehen. Sie sind weiß, glatt, kalt. Du findest sie an der Decke, wo Kabel von der Deckenleuchte herunterführen, oder an Wänden, wo alte Kabel an Holzbalken befestigt waren. Sie sehen aus wie kleine, runde oder zylindrische Hüte. Oft sind sie mit Metallklemmen verbunden.
Warum sind sie ein Problem? Weil sie fast immer mit alten Leitungen verbunden sind - und diese Leitungen oft mit PCB-Öl imprägniert wurden. Porzellan selbst ist ungefährlich. Es hält Temperatur, Feuchtigkeit und chemische Einflüsse aus. Aber es ist ein Zeichen: Wo Porzellan ist, ist oft auch alte Elektrik. Und wo alte Elektrik ist, ist oft auch Schadstoff.
Ein weiterer Fall aus Niedersachsen: Ein Bauherr ließ 2023 eine Dachbodensanierung durchführen. Er fand drei Porzellan-Isolatoren mit Kabeln, die noch an einem alten Sicherungskasten hingen. Der Elektriker sagte: „Das ist noch aus den 50ern. Ich hab das schon hundertmal gesehen.“ Er hat die Leitung einfach abgeklemmt und abgezogen. Keine Analyse. Keine Reinigung. Zwei Jahre später kam eine Mutter mit Atembeschwerden und Hautreizungen zum Arzt. Die Blutprobe zeigte erhöhte PCB-Werte. Die Ursache: Staub aus der alten Elektrik, der durch Ritzen in den Bodenbelag aufstieg und in der Luft schwebte.
Bakelit: Der brüchige Überlebende
Bakelit ist der härteste und bekannteste der drei. Es ist der erste vollsynthetische Kunststoff, patentiert 1907. In den 1930er bis 1970er Jahren wurde es für Schalter, Steckdosen, Sicherungskästen und Klemmen verwendet. Es ist dunkelbraun, glänzt leicht, fühlt sich schwer und kalt an. Wenn du einen alten Sicherungskasten öffnest und schwarze, eckige Teile siehst - das ist Bakelit.
Was ist das Problem? Bakelit selbst ist nicht giftig. Aber es wurde oft mit PCB-haltigen Ölen in Kontakt gebracht - besonders in Transformatoren und Kondensatoren. Und wenn Bakelit altert? Es wird brüchig. Es bricht, es splittert, es gibt feinen Staub ab. Dieser Staub kann PCB enthalten. Und wenn du ihn einatmest? Das ist gefährlich.
Ein Elektriker aus Hannover berichtete 2025, dass er in 8 von 12 alten Häusern, die er renovierte, Bakelit-Schalter mit PCB-Kontamination fand. In einem Fall war der Schalter so brüchig, dass er beim Abnehmen in Stücke zerfiel. Der Staub war so stark kontaminiert, dass die Reinigung mit normalem Staubsauger nicht reichte. Man musste einen speziellen HEPA-Staubsauger einsetzen, die Wand mit feuchten Tüchern abwischen und den gesamten Bereich mit einem chemischen Reiniger behandeln.
Wie erkennst du, ob es gefährlich ist?
Nicht jede alte Elektrik ist eine Altlast. Aber du solltest immer prüfen, wenn du eines dieser Materialien findest:
- Stoffummantelte Kabel? → Prüfen
- Porzellan-Isolatoren? → Prüfen
- Bakelit-Schalter oder -Klemmen? → Prüfen
Du kannst nicht einfach mit dem Auge erkennen, ob PCB drin ist. Aber du kannst den Kontext prüfen:
- Wann wurde das Haus gebaut? Vor 1970? Dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch.
- Wurde die Elektrik jemals erneuert? Wenn nein, ist die Gefahr größer.
- Hast du schon mal einen alten Transformator oder Kondensator gesehen? Dann ist PCB wahrscheinlich.
Die sicherste Methode: Ein Laboranalyse. Ein professioneller Elektriker oder Altlastensachverständiger kann Proben entnehmen - von Kabeln, von Bakelit, von Staub. Die Analyse kostet zwischen 80 und 150 Euro pro Probe. Das ist günstiger als eine gesundheitliche Folge.
Was tun, wenn du eine Elektro-Altlast findest?
Nicht selbst anfassen. Nicht mit dem Staubsauger aufsaugen. Nicht einfach abschneiden und wegwerfen.
So gehst du vor:
- Den Bereich abriegeln. Kein Zugang mehr, besonders für Kinder und Haustiere.
- Den Strom abstellen. Wenn du unsicher bist, lass es von einem Elektriker machen.
- Einen Fachmann hinzuziehen. Suche nach einem Altlastensachverständigen für Elektroanlagen. Die meisten Elektriker wissen nicht, wie man PCB-Altlasten handhabt.
- Proben entnehmen lassen. Die Analyse zeigt, ob und wie stark kontaminiert ist.
- Sanierung planen. Das bedeutet: Entfernen der Materialien, Reinigen der Flächen, fachgerechte Entsorgung als Sondermüll.
- Neue Elektrik einbauen. Mit modernen, sichereren Materialien.
Die Entsorgung von PCB-haltigen Materialien ist streng geregelt. Du darfst sie nicht auf den Müll werfen. Sie müssen als gefährlicher Abfall über einen zugelassenen Entsorger abgeholt werden. Die Kosten dafür liegen zwischen 300 und 1.500 Euro - je nach Umfang. Aber es ist die einzige sichere Option.
Warum ist das heute noch relevant?
Weil viele Häuser in Deutschland noch immer diese Elektrik haben. In Niedersachsen, wo ich lebe, sind über 40 % der Wohngebäude vor 1970 gebaut. In vielen ist die Elektrik nie erneuert worden. Die Menschen denken: „Solange es funktioniert, braucht man nichts tun.“ Aber das ist falsch.
PCB ist nicht nur gefährlich, weil es krebserregend ist. Es bleibt jahrzehntelang in der Umwelt. Es reichert sich in Fettgewebe an. Es kann sogar über die Luft in andere Räume gelangen - besonders wenn alte Kabel in der Wand durch Luftzug bewegt werden. In einem Haus in Braunschweig wurde 2024 in der Küche PCB gefunden - obwohl die Elektrik dort nie berührt worden war. Die Quelle: ein alter Kondensator im Keller, der durch Risse im Bodenbelag Staub abgab.
Was du jetzt tun kannst
Wenn du in einem älteren Haus wohnst:
- Gehe durch deine Wohnung und suche nach Stoffummantelungen, Porzellan oder Bakelit.
- Wenn du welche findest: Dokumentiere sie mit Fotos.
- Notiere, wo sie sind - in der Küche? Im Bad? Im Dachboden?
- Setze dich mit einem Elektriker oder Sachverständigen in Verbindung.
- Frage: „Können Sie prüfen, ob hier PCB vorliegt?“
Du musst nicht sofort alles erneuern. Aber du musst wissen, was du hast. Und du musst es nicht ignorieren. Denn eine Elektro-Altlast ist keine Frage der Schönheit. Es ist eine Frage der Gesundheit. Und die lässt sich nicht mit einem neuen Tapetenmuster überdecken.
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